Informationen zu Ess-Störungen

Anorexie oder Magersucht...

...sind Bezeichnungen für eine Ess-Störung, bei der die Betroffenen selbst und willentlich einen extremen Gewichtsverlust herbeiführen. Innerhalb kurzer Zeit verlieren sie über 15 % ihres Ausgangsgewichtes und tun alles dafür, dieses Untergewicht zu halten und weiter abzunehmen. Sie zerkleinern ihre ohnehin sehr geringen Portionen in winzige Stücke, die sie auf dem Teller hin- und herschieben, trinken große Mengen Wasser vor dem Essen, verwenden Abführmittel und Entwässerungspräparate, erbrechen sich oder versuchen, die aufgenommenen Kalorien über Bewegung loszuwerden. Statt selbst zu essen, kochen und backen sie für andere, sehen ihnen beim Genießen zu und erleben dann ihren lustvollen Moment im Gefühl, für andere gesorgt und für sich selbst die Kontrolle behalten zu haben. Nahrung wird unterteilt in „verboten und erlaubt“, wobei die „verboten“-Liste stetig wächst.

Menschen mit Magersucht sind häufig in Bezug auf viele Bereiche ihres Lebens diszipliniert, pflichtbewusst, sorgfältig, sehr fleißig und hochgradig leistungsorientiert. Die Kontrolle zu behalten und viel Verantwortung zu übernehmen, gibt ihnen ein gutes Gefühl. Ihre Gewissenhaftigkeit und Vorliebe für Perfektion äußert sich auch in der Spaltung des inneren Schemas in schwarz und weiß: Erfolg und Versagen. Kontrollverlust wird als Scheitern erlebt und lässt das Selbstwertgefühl sinken. In der Magersucht richten sie ihre Leistungsbereitschaft und Disziplin darauf aus, den eigenen Körper (in kleinen, festgelegten Etappen) zum Verschwinden zu bringen, ohne sich über dieses Ziel im Klaren zu sein. 200 oder 300 Gramm weniger oder mehr auf der Waage entscheiden über den aktuellen Selbstwert.

Magersucht kann als eine Bewältigungsstrategie in Situationen verstanden werden, die Betroffene als ausweglos empfinden. Oft werden in der Schule oder Familie Leistungsanforderungen an sie gestellt, die sie kaum erfüllen können. Traumatische Erlebnisse wie sexuelle Übergriffe, körperlicher oder emotionaler Missbrauch sind keine Seltenheit. Innerhalb der Magersucht wird der Körper zum stellvertretenden Ort, im Leben „NEIN“ zu sagen, abzulehnen, eine Grenze zu ziehen und über sich selbst zu bestimmen. All diese wichtigen Impulse werden nach innen, in die eigene Welt gerichtet, statt im Außen gelebt zu werden. Hungern verschafft Betroffenen das Gefühl, ihren Körper zu kontrollieren und mit einem starken Willen „schwache“ Bedürfnisse – wie Genuss, Nähe oder Trost zu überwinden. Eine Zeitlang funktioniert diese Strategie, doch dann können die Betroffenen nicht mehr aufhören. Das Gefühl für den eigenen Körper und die Entscheidungsfreiheit gehen verloren. Die neurobiologische Forschung hat beobachtet, dass Magersucht-Patienten automatisierte, willentlich kaum mehr beeinflussbare Entscheidungen treffen – ähnlich wie spiel- oder drogenabhängige Menschen. Nicht zuletzt macht Hungern – ursprünglich eine körpereigene Reaktion zur Aktivierung der letzten Kräfte – biochemisch „high“.

Auffällig verändert sich die Wahrnehmung des gesamten Körpers, des eigenen Gewichts, der Größe und Form. Man spricht von Körperschemastörung. Meistens haben Betroffene eher einzelne Körperteile im Blick, an denen alles Weiche unschön, fremd und zu viel erscheint und weg soll. „(Pro-) ANA“ heißt nicht nur dünn- sondern auch hart sein. Im „Magersuchtgefängnis“ landen immer mehr Schätze, die der gesunde Mensch genießen konnte: lachen, weinen, singen, malen, spielen, mit Freunden sprechen, spazieren gehen. Gedanken über Körper(teile), Essen, Nicht-Essen, Kalorien und Vergleiche mit anderen (Körpern) nehmen immer mehr Raum ein, bis der eigentlich abgelehnte Körper doch wieder das ganze Leben bestimmt.

Die Liste möglicher körperlicher und psychischer Folgeerscheinungen von Anorexie ist lang und dramatisch: Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Zwangserkrankungen, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Osteoporose, Kreislaufprobleme, Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen, Wachstumsstörungen, dauerhaft erhöhter Kortisolspiegel, Haarausfall und brüchige Nägel, Magen-Darm-Erkrankungen, Lanugobehaarung, Verzögerung der Pubertät, organische Psychosen, Unfruchtbarkeit. Ein besonderes Merkmal bei Mädchen und Frauen ist das Ausbleiben der Menstruation.

Ungefähr die Hälfte der an Anorexie erkrankten Menschen gelten nach 10 Jahren als geheilt. Etwa ein Viertel der Betroffenen stabilisiert sich und kann mit der Erkrankung leben, sie nimmt aber einen chronischen Verlauf. Zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen sterben im Zeitraum von 10 bis 20 Jahren an den Folgen der Krankheit oder begehen Suizid.

Obwohl viele Magersüchtige überdurchschnittlich intelligent sind, fehlt ihnen oft lange Zeit die Krankheitseinsicht. Nicht selten reagieren sie aggressiv und abwehrend oder bagatellisieren, wenn sie auf ihr Verhalten angesprochen werden. Es kostet Betroffene viel Kraft und Mut, ihre gesunden Anteile zu reaktivieren und gegen die „Magersuchtpersönlichkeit“ aufzustellen. Wenn die Fähigkeit zu genießen und das Interesse an positiven Lebensgefühlen zurückkehren, sind das sehr berührende Momente: etwas wert sein, etwas können und die eigene Kraft wieder ins Leben zurück zu richten.


Quellen:
1. Plassmann, Essstörungen als psychisches Trauma: http://www.ptz.de/fileadmin/media/pdf/Psychotraumatologie_Essstoerungen_Tuebingen-03.02.10_-fuer_Web.pdf
2. ICD-10 und DSM-IV

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